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US Rails

3. November 2010, Wunderbar Weite Welt, Eppstein

Come early – stay late – remember nothing

Was ist besser als eine bekannte Supergroup? Klar, eine unbekannte Supergroup!
Bestehen doch die US Rails aus den „semibekannten“ Matt Muir (dr, voc), Scott Bricklin (b, voc, org), Joseph Parsons (g, voc), Tom Gillam (g, voc) und Ben Arnold (p, org., voc). Alles klar? Nö, macht aber nichts. Der Blue-Rose-Gefolgschaft sind zumindest Tom Gillam und Joseph Parsons (schon seit vielen Jahren auf dem Label) markante Koordinaten im Roots-Atlas. Zum Zeitpunkt der Show in der „Wunderschönen Weiten Welt“ haben die US Rails lediglich das selbstbetitelte Debütalbum auf dem Markt, das von süffigen Harmonyvocals nur so strotzt. Grund genug für Florian und mich den Weg von Heidelberg nach Eppstein an einem Samstagnachmittag in Kauf zu nehmen.

Erheblich erschwert, quasi mit künstlichen Handicaps versehen, wird das „Unternehmen Liveshow“, wenn um 15:30 Uhr in einer Eppsteiner Kneipe der Anstoß zum Bundesligaspieltag erfolgt. Für welche Vereine wir mitfiebern, wird an der Stelle nicht verraten – es ist wie mit der Musik, irgendwas aus den Südstaaten – zumindest bei mir, Florian drückt die Daumen eher für einen Underdog aus dem Rhein-Neckar-Delta! Da bekommt der Metaller dann öfter den Delta-Blues als ihm lieb sein kann!

Die Anwesenden Fans sind kein repräsentativer Querschnitt, eher im Gegenteil, die hätten guten Grund zu Gitarre und Harp Klagelieder anzustimmen. So gesehen haben wir ein Konzert vorm Konzert. Zumindest optisch! Um 17:30 Uhr verschwinden wir, der Wirt macht noch ein trauriges Gesicht, „Wie, ihr geht schon, es kommt doch noch ein Spiel …“ Unser „Deckel“ war ihm wohl sympathisch, was für uns den Nachteil hat, zu ungewohnter Uhrzeit schon zu wackeln wie die Nichtschwimmerboje in der Ostsee.

Die Wunderbar Weite Welt ist Restaurant, Bar, Café, Kleinkunstbühne und Livelocation in einem. Liebevoll eingerichtet, auf‘s Detail achtend, so sind z. B. die Eintrittskarten Pin‘s mit Bandfoto (wird dann an die Jacke oder wohin auch immer gesteckt) und einer ausgefallenen, auf jeden Fall erwähnenswerten Speise- und (leider) auch Getränkekarte. Florian hat einen Tisch reserviert. Es ist angerichtet, das Rock ‘n‘ Roll-Unheil kann seinen Lauf nehmen. Sehr gut kann ich mich noch an Austin-Wolfgang erinnern, schon weniger an seine Begleitung, war aber, da bin ich mir fast sicher, weiblich. Wir bieten den beiden Plätze an unserem Tisch an, das Konzert ist ausverkauft. Beziehungen schaden bekanntlich ja nur dem, der keine hat.
Von Pasta mit Meeresfrüchten habe ich unterbewusst noch was im Speicher, an die ersten fünf Grappa kann ich mich wesentlich besser erinnern.

Über das Konzert lässt sich nicht viel sagen, nach „Lucky Stars“, (immerhin schon der zweite Song des Abends) setzt der Black-Out ein. Sicher verbürgt ist das ungewöhnliche Markenzeichen der Band, alle Musiker singen, wobei die leicht Bourbon-getränkte Stimme von Ben Arnold das Gefühl für diese im besten Sinne handgemachte Musik bei einer Liveshow souverän einfängt. Sehr authentisch! Tom Gillam macht seine Sache am Mikro ebenfalls gut, an der Gitarre sowieso, an den Vocals ist Arnold aber der Gleiche unter Gleichen der es schafft, zu strahlen. Lucky Star! Joseph Parsons hat es mit seiner warmen, glockenklaren Stimme da schon schwerer, er gelingt ihm immerhin, Kontrapunkte zu setzen. Und überhaupt spielen die so perfekt und harmonieseelig zusammen, so als ob die nie was anders gemacht haben. Zuckersüßer Sound, ohne jeglichen Kitsch, wie etwa (zum Teil) bei den Eagles – nein, eher verwalten die US Rails gekonnt das Erbe von 4 Way Street. Mit nur einer Platte im Gepäck ist das großes Live-Entertainment einer Band, der es wohl leider nicht vergönnt sein wird, groß rauszukommen. Dass es die US-Eisenbahner schaffen, kleine Läden wie das WWW auszuverkaufen, stimmt zumindest für den Fortbestand dieser Musik optimistisch. Es lohnt sich immer auf Entdeckungsreise zugehen. Ein sehr schöner Abend, vieles blieb allerdings nebulös, was nicht an der Band lag. Wir kommen wieder, bestimmt.

CD‘s:
2010 - US Rails (Blue Rose)
2011 - Southern Canon (Blue Rose)

Gunther Böhm

 

 

 

 

 

 

boh

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